6. Februar 2019
Bild: Aurel Martin

Unsere Leserinnen und Leser haben entschieden: Der Bau des Jahres 2018 ist Andreas Pizzas Umbau eines Wohnhauses in Uerzlikon. Was zeichnet seine Gestaltung aus und verhalf ihm zum Sieg?
 

Alte Bauten für die Zukunft wieder flott zu machen – das hat derzeit Konjunktur. Die Besinnung auf traditionelle Handwerkstechniken und regionale Wertschöpfung im Sinne der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung ebenfalls. Spannende Um- und Neubauten, aus denen eine solche Haltung spricht, finden sich mittlerweile etliche in der Schweiz. Doch ist dies kein Zeichen von Retro-Romantik oder gar Rückwärtsgewandtheit: Oft kommen verschiedene Zeitschichten zu kraftvollen neuen Geweben zusammen. Frische Ideen und altes Vokabular ergänzen sich sympathisch. Viele Projekte stammen dabei von jungen Autorinnen und Autoren. Dies schlägt sich auch in den Ergebnissen der Wahl zum Bau des Jahres 2018 nieder: Gewonnen hat sie Youngster Andreas Pizza. Mit seiner Umgestaltung eines fast 300-jährigen Bauernhauses zum Mietshaus in Uerzlikon am südwestlichen Rand des Kantons Zürich überzeugte er 42,8 Prozent unserer Leserinnen und Leser, die sich rege beteiligten. Auch an zweiter Stelle rangiert ein Umbau: Die neue alte Schule St. Johann in Basel von MET Architects, auf die 7 Prozent der Stimmen entfielen. Der erste Neubau folgt knapp dahinter auf dem dritten Rang: die Wasser-Abfüllanlage mit öffentlichem WC am Blausee im Berner Oberland, gestaltet vom Büro HILDEBRAND (6,5 Prozent). Noch weitere Eingriffe in den Baubestand haben den Sprung unter die besten zehn geschafft – zum Beispiel die Casa Mosogno von Buchner Bründler und zwei Ersatzneubauten in denkmalgeschützter Nachbarschaft von Graber Pulver Architekten.

Liebevolle Collage

Andreas Pizza ist eine reiche und bisweilen heiter wirkende Collage gelungen. Auf den ersten Blick erinnert sie an ein Flickwerk – er selbst spricht von einem «Patchwork» –, doch rasch stellt sie sich als präzise und liebevolle Intervention heraus. Damit zeigt das Projekt auch exemplarisch, dass Techniken des Verschneidens und Montierens derzeit (wieder) hoch im Kurs stehen. Die Details zeugen von grossem Flair für Handwerk und Material. Einiges stammt dabei – wie etwa die Geländer oder Fenstergriffe – vom Bauherrenpaar Margrit und Moritz Häberling selbst, das in der Nähe eine Kunstschmiede betreibt, die auf Rekonstruktion und Restauration spezialisiert ist und eine grosse Sammlung alter Beschläge besitzt. Diese durchgearbeitete Bastelei scheint auf der Höhe der Zeit und die Interessen vieler Schweizer Architekturschaffender zu treffen.

Die Geländer stammen aus dem Fundus der Bauherrschaft. Bild: Aurel Martin
Wohnerlebnis

Auch räumlich vermag der in 2017 fertiggestellte Umbau zu überzeugen und hat viel zu bieten. Und das obwohl sich Andreas Pizza beim Gestalten an strenge Regeln halten musste: Nachdem das Haus 2011 schon eingerissen werden sollte, intervenierte das Kantonale Raumplanungsamt. Denn Uerzlikon gilt als «ländlich-traditionelle» Hofsiedlung, die kulturhistorisch bedeutsam ist, weshalb ihre Häuser und deren Charakter zu schützen sind. Die Gemeinde Kappel am Albis bestellte daraufhin eine Gutachterin und schloss anschliessend mit der Bauherrschaft einen Schutzvertrag. Dieser schrieb fest, dass Grundrissstruktur, Holzskelett, Fachwerk und Dachstuhl erhalten werden mussten.

Das Haus an der Alte Kappelerstrasse nimmt neu insgesamt drei Wohnungen auf, die alle über separate Eingänge verfügen. Einen gemeinsamen Erschliessungsraum gibt es nicht. Zwei davon erstrecken sich über Keller, Erdgeschoss und erstes Obergeschoss. Die grössere befindet sich im ursprünglichen Wohnbereich des Hauses, dessen Strickbau liebevoll rekonstruiert wurde. Sie bietet im Erd- und ersten Obergeschoss von zwei Seiten belichtete Wohndielen, in denen die Küche beziehungsweise das Bad untergebracht sind. Die kleinere kommt im ehemaligen Wirtschaftsteil zu liegen, dessen Holzständerkonstruktion erneuert wurde. 

Wohndiele mit Küche. Bild: Aurel Martin

Die dritte Einheit schliesslich ist die geräumige Dachwohnung. Sie wird über ein eigenes Treppenhaus erschlossen und verfügt über langgezogene Schleppgauben, durch die Licht in den vormals nicht zu Wohnzwecken genutzten Raum fällt. Zudem wurde ihre westliche Giebelfassade verglast. Vorgesetzte Lochbleche erzeugen dabei eine Illusion: Bei Tag scheint der Fassadenteil lediglich über vier Fensteröffnungen zu verfügen. Erst bei Nacht stellt sie sich als transparent heraus. Neben dieser innovativen Lösung fanden beim Umbau aber auch Materialen Verwendung, die sonst vielfach nicht mehr als zeitgemäss angesehen werden: Kaseinfarben kamen zum Einsatz und Riemenböden wurden verlegt.

Giebelfassade bei Nacht. Bild: Aurel Martin
Grundriss Erdgeschoss. Bild: Andreas Pizza
Grundriss erstes Obergeschoss. Bild: Andreas Pizza
Grundriss Dachgeschoss. Bild: Andreas Pizza
Zwischen Sanierung und regionaler Analogie

Wenden wir uns den dahinter Platzierten zu: Auf Rang zwei gewählt wurde, wie eingangs erwähnt, der Umbau der Basler Schule St. Johann von MET Architects. Der streng symmetrische Neorenaissancebau von Heinrich Reese aus 1888 wurde mit Fokus auf die ursprünglich verwendeten Materialien und Farben saniert und umgebaut. Die Architekten entschlossen sich, das vorgefundene architektonische Vokabular weiterzuverwenden, ihm aber auch Neues hinzuzufügen. Die grössten Veränderungen erfuhr dabei das Dachgeschoss, wo sich unter sichtbarem Dachstuhl neu ein Textil- und ein Zeichenatelier befinden.

Schule St. Johann mit neuen Eichenfenstern. Bild: Christian Kahl

Auf dem dritten Platz folgt schliesslich ein Neubau: Die Wasser-Abfüllanlage mit öffentlichem WC der Blausee AG, gestaltet vom Büro HILDEBRAND. Der in 2017 fertiggestellte Bau spricht eine kraftvoll geometrische Sprache. Zugleich baut er Analogien auf zu Berner Bauernhäusern und Scheunen mit ihren oft weit heruntergezogenen Dächern. Seine Architekten teilen mit Sieger Andreas Pizza die Vorliebe für traditionelle Bautechniken und ein Flair für Handwerk und Material: Der Holzbau wurde aus regionalem Fichtenholz und ausschliesslich von ortsansässigen Handwerkern zusammengesetzt. Die Schindeln seines Dachs stammen von Michael Beetschen, einem der drei letzten Schindelmacher im Berner Oberland.

Abfüllanlage am Blausee. Bild: Erica Overmeer

Wir gratulieren dem Gewinner und den Nachplatzierten herzlich, und bedanken uns bei unseren Lesern für die rege Wahlbeteiligung. Sie möchten bereits Kandidaten für den Bau des Jahres 2019 ins Rennen schicken? Dann schlagen Sie uns diese als Bau der Woche vor. Nach der Publikation in unserem Newsletter stehen sie im Januar 2020 zur Wahl.

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